Briefwechsel
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Aktualisiert: vor 15 Stunden
Bin in diesen Tagen eingetaucht in die briefliche Kommunikation von Sarah Kirsch und Christa Wolf zwischen 1960 und 1990. Wie meist in solchen Briefwechseln von bekannten Menschen öffnet sich auch hier eine weite Palette von sehr persönlichen Bildern, die eingebettet sind in die gesellschaftspolitischen Begebenheiten und bei Kirsch und Wolf natürlich in deren literarische Welt. Es ist spannend zu lesen, wie die beiden so unterschiedlichen Charaktere gelenkt von dem jeweiligen Naturel ihrer Wege gehen, lange Zeit ist es ein gedanklich gemeinsamer Weg des Austausches (auch im Versteckten über die Schwierigkeiten, Sprache so zu formulieren, dass sie in der DDR ein öffentliches Gehör finden kann). Ab 1977 wird der direkte Kontakt durch die Ausbürgerung von Sarah Kirsch aus der DDR spärlicher, aber es bleibt doch die Bande einer Freundschaft im schreibenden Kontakt bestehen.
Es ist sehr schön, den beiden über die Schulter zu schauen, wenn sie nicht nur über zu Schreibendes und zu Lesendes reden, sondern sich über das Leben auf dem Lande berichten (Kirsch auf einem einsamen schleswig-holsteinischen Fleck, Wolf - vor ihrem städtischen Berlintreiben immer wieder flüchtend - im kleinen Dorf Woserin in Mecklenburg-Vorpommern): wie sie pflanzen und ernten, wie Kirsch Lämmer und Zicklein ins Leben verhilft und Wolf Hunderte von Gänsen auf den nahen Feldern beobachtet, und wie sie über das Wetter reden, das über die Mauer hinweg sie verbindet. Und erst als diese fällt, bekommt das Verhältnis Risse, weil Wolf die DDR noch nicht loslassen kann, an einer zu reformierenden Staatsform festhalten will. Sarah Kirsch kann ihr so nicht mehr folgen, die Freundschaft bricht und der Briefwechsel endet. Doch soweit bin ich noch nicht vorgedrungen in ihren Briefen und ich bin gespannt, wie sich dieses Zerwürfnis darlegen wird.
Während des Lesens ist mir das Buch von Christa Wolf eingefallen, das in meinen Regalen steht: Ein Tag im Jahr. Wolf beschreibt von 1960 bis 2000 immer den gleichen Tag im September eines Jahres, schreibt über all die profanen Alltagsgeschehnisse an jenem Tag. Man erfährt viel über die Familie Wolf, aber auch über ihr ganz persönliches Hadern mit dem Dasein als öffentliche Person, über die Sehnsucht nach Ruhe und ihr Nachdenken über ein lebenswertes Leben an sich. Dieses Buch nun ergänzend zu dem Briefwechsel immer wieder aufzuschlagen und den passenden Tag zu lesen bereichert sehr. Bleibt noch im Atlas zu schauen, wo genau denn die Lebensorte der beiden Frauen waren, und noch ab und an in die umfangreich lyrische Welt von Sarah Kirsch hineinzublättern: all das rundet das Lesen ab und erfüllt mein Bedürfnis nach einem sich hineinversetzenden, begreifenden Erfassen.




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