- 4. Jan.
In seinem Buch Ein Ende und ein Anfang beschreibt Oliver Hilmes in vielen Fragmenten Lebenssituationen und Gedanken von Menschen, die im Sommer 1945 eine alte, in den vielen Jahren zuvor schreckliche Welt loslassen dürfen und den Anfang einer neuen politischen Zeitrechnung durchleben und mitgestalten - im "kleinen" Kosmos des Privaten wie auch auf der "großen" politischen Bühne. Hilmes lässt Stimmen aus diesem Privaten zu Wort kommen, beschreibt aber auch das Erleben von Staatsmännern und anderen Berühmtheiten in dieser Zeit. So reist beispielsweise Klaus Mann, der Sohn von Thomas Mann, als Reporter im Dienst der US-Army nach Garmisch, um am 15. Mai 1945 den Komponisten Richard Strauss im Refugium seiner Villa zu interviewen. Hilmes zitiert Mann, wie er Strauss erlebt in Angesicht all der Kriegsgreuel: Die Naivität, mit der er sich zu einem völlig ruchlosen, völlig amoralischen Egoismus bekennt, könnte entwaffnend, fast erheiternd sein, wenn sie nicht als Symptom sittlich-geistigen Tiefstandes so erschreckend wären. Richard Strauss sei für ihn ein großer Mann - so völlig ohne Größe.
In den letzten Kriegsmonaten jedoch, berichtet Hilmes, hat Richard Strauss sein epochales, halbstündiges Werk Metamorphosen zu Ende gebracht, eine Elegie auf eine Welt, die in Trümmern liegt, und die eine tiefe Erschütterung und Verzweiflung in Richard Strauss zum Ausdruck bringt. Hilmes fragt sich, ob Klaus Mann in Kenntnis dieses Werkes wohl ähnlich abwertend über Strauss berichtet hätte.
Ich habe diese Metamorphosen, die später als bewegenstes Musikwerk des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden, nie gehört - bis jetzt, da dieses Fragment über Klaus Mann und Richard Strauss den Anstoß gegeben hat, mich in dieses Werk hineinzubegeben (hier in der Fassung von 1973 für 23 Streicher, gespielt von der Dresdner Staatskapelle unter der Leitung von Rudolf Kempe):
- 20. Nov. 2025
Jetzt, da Ursula Krechel den Georg-Büchner-Preis zugesprochen bekommen hat, dachte ich, okay, nun ist's an der Zeit mich mal dieser Frau zu widmen. Wollte schon lange den ersten Roman Shanghai fern von wo ihrer "Trilogie" lesen, allesamt Bücher, die sich intensiv mit Exil, Flucht, Verdrängung und Gerechtigkeit in Erinnerung an die Gefühllosigkeit der Nachkriegsgesellschaft auseinandersetzen.
Ich hab mich zu Beginn schwer getan, in dieses von ihr in ganz eigenem literarischen Stil zusammengeflochtene Werk einzutauchen. Irgendwann aber war ich drin und ihr Schreiben über diese mir fremde Zeit und Welt eines Exils in Shanghai (seit Beginn des Zweiten Weltkrieges bis zu seinem Ende und weitere Jahre darüber hinaus) hat mich gefesselt, berührt und auch angestrengt ob dieses schweren und teilweise grausamen Daseins dort fern von wo. Und ich bin beeindruckt von all diesem Wissen, das sich Krechel mit intensiven Recherchen über Jahrzehnte angeeignet hat und wie sie dieses in ihrer besonderen Sprache formt. Jedes Wort scheint sorgfältig gewählt, jeder Satz trägt Bedeutung. Sie verzichtet auf unnötige Ausschmückungen, aber ihre Sprache ist alles andere als karg. Stattdessen schafft sie es, mit wenigen Worten Stimmungen und Bilder zu kreieren, die mich tief in die Geschichte hineingezogen haben. Letztlich war ich froh, als ich zum Ende kam, da nur selten ein Aufatmen in ein wenig leichtes Freisein hinein möglich ist.
Drum freue ich mich nun auf das leichte, glückliche Geheimnis von Arno Geiger, das da winkend im Warteregal steht.
- 26. Aug. 2025
Manchmal ist es so, dass in einem Buch Spuren gelegt werden zu einem nächsten. Dass man aufhorcht und Namen aufgreift, nach den dazugehörigen Menschen sucht, sich über Verbindungen wundert. Und dann gibt es nur einen Weg: den zum vorgezeichneten Buch. Von einem Buch zum anderen, von einem Menschen zum anderen, von einer Lebensgeschichte zur anderen und man entdeckt die Verwobenheit inmitten des Laufs der Dinge, der Geschehnisse dieses Weltendaseins.
Klar: wenn man Ingeborg Bachmann liest kommt man nicht umhin, sich mit Max Frisch zu beschäftigen. Wenn man sich mit Frisch beschäftigt, erinnert man sich in seinen Briefwechseln mit Uwe Johnson an eben den. Und in dessen Jahrhundertwerk Jahrestage entdeckt man die Verbindung zu Hannah Arendt und in der Annäherung an sie findet man sich in dieser getriebenen, schreckenshaften Zeit 1940 in Marseille wieder, liest gebannt im Werk von Uwe Wittstock und muss wieder dem einen und anderen Namen folgen und lesen, was sie geschrieben haben: Lisa Fittko, Anna Seghers - und irgendwann denkt man sich: und das nur, weil man vor Monaten ein Gedicht von Ingeborg Bachmann gelesen hat. Und in Gedanken an sie taucht plötzlich auch die Gruppe 47 auf und darin Günter Grass und man erinnert sich, dass irgendwo in einem Regal sein Mein Jahrhundert steht und all die Zeit umspannend beginnt man noch einmal darin zu lesen, nebenbei blättert man in der großen Chronik des 20. Jahrhunderts.
Irgendwann braucht man wieder Abstand zu diesem Viel an Vergangenheit und liest sich hinein in die Umlaufbahnen, um losgelöst und schwerelos über den Verflechtungen dieser Welt zu schweben...


