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9. Okt.

Manchmal bin ich verzweifelt, wenn ich von diesen Netanjahus, Trumps, Putins dieser Welt lese, von diesen irrsinnigen und widerwärtigen Machtgefügen, die einen schwindlig werden lassen im Gemüt und ohnmächtig. Manchmal bin ich ungläubig über diese Hinwendung der Menschen zu den altbekannten, nicht vergessenen aber vergangen geglaubten, gefürchteten Strukturen von ausgrenzender rechtsradikaler Politik. Manchmal bin ich so unendlich wütend, obwohl ich so gar kein wütendes Wesen in mir trage, wenn ich in Jesmyn Wards Roman So gehn wir denn hinab lese, und nur seitenweise lesen kann über die wochenlangen Märsche der schwarzen Frauen und Männer gebunden an Ketten und Stricken, so hautnah schreibt Ward, dass ich das Buch immer wieder zur Seite legen muss, es nur am Tag lesen kann, nicht am Abend in den Schlaf hinein und nicht am frühen Morgen in den Tag hinein. Und dann bin ich manchmal müde der immergleichen Machterhaltsdebatten und der Auseinandersetzungen im hiesig herrschenden politischen System und in der Sommerhitze sterben mehr und mehr Menschen. Und manchmal kann ich fast nachvollziehen, wie der Mensch plötzlich an der Wahlurne sein Kreuz an der falschen Stelle macht.

Doch dann krame ich in den GoodNews nach hoffnungsvollen Entwicklungen, lese über spannende und lebensbejahende Projekte, über Startups, die über den Tellerand schauen und gestalten, über ein erfolgreiches, zugewandtes Miteinander. Und ich wälze Gedanken mit Freunden und ja, auch mit der KI, über neue oder ergänzende Formen einer lebendigen Demokratie. Und dann lösen sich diese verzweifelten und wütenden und ohnmächtigen Anwandlungen und ich denke und fühle: es bewegt sich, bleib dabei, wir sind auf dem Weg...

 
26. Sept.

Lese gerade in Christa Wolfs Tagebuchaufzeichnungen Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert, die sie seit 1960 stets am 27. September verfasst hat - am Ende diesen Tages im Jahre 2004 schreibt sie:

Ein paar Nachrichten sehe ich noch im »Nachtjournal« und muß mich fragen, warum ich nicht endlich meinen Vorsatz ausführe, mich nicht mehr jeden Tag mit diesen Schreckensbildern zu konfrontieren. Es ist Mitternacht. Im Bett lese ich noch ziemlich lange den Anfang des Buches von Barbara Honigmann über ihre Mutter: »Ein Kapitel aus meinem Leben«. Es rührt mich an. Gerd, der es schon gelesen hat, sagt: Wieder ein Beleg dafür, in wieviel verschiedenen DDRen wir damals alle gelebt haben. – Und auch dafür, daß die Vergangenheit nicht tot ist.

Abgesehen davon, dass ich mich in der Gegenwart bezüglich der Nachrichten in zu vielen Medien ebenfalls stets diese Frage stelle, schaue ich während des Lesens die auch für mich immer wieder lebendige Vergangenheit in meinem Privaten jeweils am 27. September der ersten Jahre des neuen Jahrhunderts:

2001 - an diesem Tag kommt eine junge Frau aus Marokko zu uns zur Besichtigung ihres Zimmers für die nächsten 3 Monate im Rahmen eines Sprachkurses. Sie ist freudig aufgeregt, ist sie doch das erste Mal auf Reisen fernab ihrer Heimat.

2002 - habe ich wohl kein Tagebuch geschrieben.

2003 - retten wir uns vor einem Regenschauer ins Kino und schauen Die Rosenstraße von Margarethe von Trotta. Naoko, unsere Sprachschülerin aus Japan, kommt wieder von einem Heimatbesuch geflogen und ist ihre letzte Nacht bei uns. Letztlich bleibt sie noch lange Jahre in Freiburg.

2004 - bin ich wieder im Kino mit einem Freund in Jim Jarmusch's Coffee and Cigarettes, während die USA weiter mit Bombenangriffen den Irak angreift.

 
25. Aug.

Vor einiger Zeit, als ich durch die Straßen wanderte, kramte ich in einer der immer wiederkehrenden Bücherkisten am Straßenrand. Und dort entdeckte ich ein kleines Büchlein von Hans Werner Richter, den ich zuerst nicht wirklich zuordnen konnte. Als ich dann aber den Untertitel las, dämmerte mir die Verbindung. Wieder zuhause blätterte ich dann auch bald gespannt in das Buch hinein und las dann letztlich jeden Tag eine der kurzen Anekdoten von Hans Werner Richter über die damals nach dem Krieg teilweise noch unbekannten und aufstrebenden Schreiberlinge rund um die von Richter gegründete Gruppe 47. Es sind heitere, manchmal nachdenkliche und bereichernde Geschichtchen, die für mich kleine, neue Nunancen zum teilweise bekannten Bild dieser einzelnen Menschen hinzufügen. Und natürlich wurde meine Lust am Recherchieren wieder geweckt, ich kramte zur Person von Richter und vertiefte mein Wissen zur Gruppe 47 anhand von Texten, Filmen und Diskussionen, wie auch die der Kulturzeit Extra von 2011 oder das Radio-Feature "Lange Nacht" von Helmut Böttiger vom DLF im Jahr 2017.


Es gefällt mir, dass mich dieser Findling gerufen hat und sich nun freut, in meinem Regal neben anderen wohllautenden Büchern stehen zu dürfen.


 

Autor von Hirnstromern

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Matthias Wagner

menschliche würde orthopädie des aufrechten gangs also kein gekrümmter rücken vor königsthronen nimm deine füße unter die arme und lauf cry baby nur der frieden ist es mein sohn wofür wir leben die beherrschung der natur ist gekoppelt an die verinnerlichte gewalt des menschen über den menschen gekoppelt an die gewalt des subjekts über seine eigene natur you can go all around the world trying to find something to do with your life baby when you only gotta do one thing well

Aus Wolkenbruch

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