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26. Aug.

Vor einiger Zeit, als ich durch die Straßen wanderte, kramte ich in einer der immer wiederkehrenden Bücherkisten am Straßenrand. Und dort entdeckte ich ein kleines Büchlein von Hans Werner Richter, den ich zuerst nicht wirklich zuordnen konnte. Als ich dann aber den Untertitel las, dämmerte mir die Verbindung. Wieder zuhause blätterte ich dann auch bald gespannt in das Buch hinein und las dann letztlich jeden Tag eine der kurzen Anekdoten von Hans Werner Richter über die damals nach dem Krieg teilweise noch unbekannten und aufstrebenden Schreiberlinge rund um die von Richter gegründete Gruppe 47. Es sind heitere, manchmal nachdenkliche und bereichernde Geschichtchen, die für mich kleine, neue Nunancen zum teilweise bekannten Bild dieser einzelnen Menschen hinzufügen. Und natürlich wurde meine Lust am Recherchieren wieder geweckt, ich kramte zur Person von Richter und vertiefte mein Wissen zur Gruppe 47 anhand von Texten, Filmen und Diskussionen, wie auch die der Kulturzeit Extra von 2011 oder das Radio-Feature "Lange Nacht" von Helmut Böttiger vom DLF im Jahr 2017.


Es gefällt mir, dass mich dieser Findling gerufen hat und sich nun freut, in meinem Regal neben anderen wohllautenden Büchern stehen zu dürfen.


 
23. März

Ich wurde 1927 auf einer Tanzfläche in Buenos Aires gezeugt. Die Hintergrundmusik dazu war Carlos Gardels Tango "Valencia", der sich in jenem Jahr in Argentinien landesweit zu einem Ohrwurm entwickelt hatte. Wer meine Mutter Fabiola Cordero de Dios kannte, wunderte sich vermutlich kaum über die Umstände meiner Entstehung.

Natürlich muss ich schon nach dem Lesen dieses ersten Absatzes aus Annette Bjergfeldts Roman Mr. Saitos reisendes Kino kramen, ob dieser Tango der Phantasie von Bjergfeldt entsprungen ist, aber nein:



Und so tauche ich nun mit diesen Klängen in die Welt von Annette Bjergfeldt ein, die auf dem Buchrücken beschrieben wird mit: Ein Hauch John Irving und eine Prise Isabel Allende. In jungen Jahren habe ich die Bücher von Irving und all den Südamerikanern verschlungen. Vielleicht versetzt mich Bjergfeldt ja ein wenig in diese Zeit zurück - nach den zwar sehr spannenden und bereichernden aber doch eher trockenen Inhalten von Christa Wolf nun also ein willkommener Ausflug in unterhaltsam leichtere Kost.

 
10. März

Und noch einmal zu den Texten von Christa Wolf. In ihrem Buch Ein Tag im Jahr lese ich das Jahr 1979 und die dort von Wolf zusammengefassten, an diesem Tag gehörten Nachrichten:


Nicht in dieses alternativlose Denken mit hineinrutschen, nicht genauso verbissen, genauso tierisch ernst sein wie die. Ziemlich schwierig, wenn es einem an den Kragen geht. Gerade jetzt, zum Beispiel, schließen sie in Leipzig den Erich Loest aus dem Schriftstellerverband aus, und der wird dann wohl auch noch weggehn. Unter den Nachrichten war auch die, daß in der UNO die Palästinenser an Boden gewinnen, die Israelis an Boden verlieren durch ihre unnachgiebige Haltung; außerdem wollen die anderen Mächte an das Öl der Araber heran: Und so ist alles. Die Welternährung wird in diesem Jahr noch schwieriger, aber es geht um Macht und Einfluß. Ich sehe nicht, wie diese Linien, an deren Kreuzpunkt die Katastrophe stünde, in eine andere Richtung zu zwingen wären. Jemand sprach auch über die Spottbeträge, die, verglichen mit den Rüstungsausgaben, die Welthungerhilfe zu ihrer Verfügung hat...

Und ich schüttle wie so oft hadernd den Kopf über die Tatsache, dass die Menschheit noch immer auf diesen - eine schon so lange Zeit umspannenden - Linien verharrt: heute, da der nahe Osten wieder einmal brennt und es dem dominatorischen Akteur letztlich noch immer nur um's Öl geht.


Und einige Seiten weiter noch weitaus spannendere Inhalte: Christa Wolf beschreibt eine sehr lebhafte und intensive Lesung im Lehrerzimmer einer Schule, die sich viel um die schwierige Einbettung von Kunst und Literatur in das von Arbeit geprägte alltägliche Leben dreht. Auch erwähnenswert die Zeilen, die mich als Vielleser nachdenklich machen:


Eine andere Bibliothekarin, vielleicht vierzigjährig, eine sehr anziehende Frau, braun, schmal, markantes Gesicht, geschmackvoll angezogen, sagte, was mich sehr berührte: Sie empfinde bei der Lektüre solcher Bücher wie der meinen, daß sie, die Leser, in ihren tiefsten Anliegen doch eigentlich wortlos seien und daß da ausgedrückt werde, was sie nicht sagen könnten.

Ich versuche, etwas von der Problematik der Rolle darzulegen, in die ein Autor, der stellvertretend für andere, Stumme, zu sprechen habe, sehr leicht gedrängt werden könne. Wir kommen auf den gewünschten Begriff »Dialog«. Es bleibt die Erkenntnis, daß Literatur bei uns oft als Ersatz für andere, vorenthaltene Möglichkeiten der Selbstverwirklichung herhalten muß.


Ich denke, dass Lesen - je nach Form von Literatur - für mich tatsächlich meist mehr ein Dialog ist im Geiste, eine Auseinandersetzung mit den Gedanken des Schreibenden, als ein Ersatz nicht gelebter Möglichkeiten (die in einem Leben der einstigen DDR sicherlich mehr durch äußere Zwänge vorenthalten wurden) . Und dass ein solcher Dialog, auch wenn er sich hin und wieder an der Rolle eines Dieners des Zeitvertreibs erfreut, durchaus zur Weiterentwicklung und auch zur Gestaltung der Linien einer Selbstverwirklichung beitragen kann. Und all die vielen Bücher (die spürbar in der Hand liegen und dann ihren schönen, ausgewählten Platz im Regal finden) sind mir seit jeher Freude und Bereicherung.


Und viele Seiten später aus dem Jahre 1992 eine Hinweis auf das Gewurzele von heutigem Wählerverhalten:

Martin kommt. Er habe soeben mit einem empörten Brief die »taz« abbestellt, die in einer Rezension, in der sie hauptsachlich mich anpöbelt, behauptet, Otl Aichers Konzept von der Kultur des Alltags sei "barbarisch". Das ist unglaublich, wir lachen, und doch ist es schade. Das ist eine der Ungezogenheiten, die sich für links halten und auf Unwissenheit, Dummheit und Arroganz beruhen. Man könnte es ignorieren, wenn sich nicht die Zeichen mehren würden, daß das — nun ja -: linke Spektrum sich wieder mal in gegenseitigen Beschuldigungen und Abgrenzungen gefällt, während die fröhlich und unbehindert wachsende Rechte ihre diversen Gruppierungen und geistigen Zentren miteinander vernetzt.




 

Autor von Hirnstromern

Matthias Wagner

menschliche würde orthopädie des aufrechten gangs also kein gekrümmter rücken vor königsthronen nimm deine füße unter die arme und lauf cry baby nur der frieden ist es mein sohn wofür wir leben die beherrschung der natur ist gekoppelt an die verinnerlichte gewalt des menschen über den menschen gekoppelt an die gewalt des subjekts über seine eigene natur you can go all around the world trying to find something to do with your life baby when you only gotta do one thing well

Aus Wolkenbruch

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