- 23. März
Ich wurde 1927 auf einer Tanzfläche in Buenos Aires gezeugt. Die Hintergrundmusik dazu war Carlos Gardels Tango "Valencia", der sich in jenem Jahr in Argentinien landesweit zu einem Ohrwurm entwickelt hatte. Wer meine Mutter Fabiola Cordero de Dios kannte, wunderte sich vermutlich kaum über die Umstände meiner Entstehung.
Natürlich muss ich schon nach dem Lesen dieses ersten Absatzes aus Annette Bjergfeldts Roman Mr. Saitos reisendes Kino kramen, ob dieser Tango der Phantasie von Bjergfeldt entsprungen ist, aber nein:
Und so tauche ich nun mit diesen Klängen in die Welt von Annette Bjergfeldt ein, die auf dem Buchrücken beschrieben wird mit: Ein Hauch John Irving und eine Prise Isabel Allende. In jungen Jahren habe ich die Bücher von Irving und all den Südamerikanern verschlungen. Vielleicht versetzt mich Bjergfeldt ja ein wenig in diese Zeit zurück - nach den zwar sehr spannenden und bereichernden aber doch eher trockenen Inhalten von Christa Wolf nun also ein willkommener Ausflug in unterhaltsam leichtere Kost.
- 10. März
Und noch einmal zu den Texten von Christa Wolf. In ihrem Buch Ein Tag im Jahr lese ich das Jahr 1979 und die dort von Wolf zusammengefassten, an diesem Tag gehörten Nachrichten:
Nicht in dieses alternativlose Denken mit hineinrutschen, nicht genauso verbissen, genauso tierisch ernst sein wie die. Ziemlich schwierig, wenn es einem an den Kragen geht. Gerade jetzt, zum Beispiel, schließen sie in Leipzig den Erich Loest aus dem Schriftstellerverband aus, und der wird dann wohl auch noch weggehn. Unter den Nachrichten war auch die, daß in der UNO die Palästinenser an Boden gewinnen, die Israelis an Boden verlieren durch ihre unnachgiebige Haltung; außerdem wollen die anderen Mächte an das Öl der Araber heran: Und so ist alles. Die Welternährung wird in diesem Jahr noch schwieriger, aber es geht um Macht und Einfluß. Ich sehe nicht, wie diese Linien, an deren Kreuzpunkt die Katastrophe stünde, in eine andere Richtung zu zwingen wären. Jemand sprach auch über die Spottbeträge, die, verglichen mit den Rüstungsausgaben, die Welthungerhilfe zu ihrer Verfügung hat...
Und ich schüttle wie so oft hadernd den Kopf über die Tatsache, dass die Menschheit noch immer auf diesen - eine schon so lange Zeit umspannenden - Linien verharrt: heute, da der nahe Osten wieder einmal brennt und es dem dominatorischen Akteur letztlich noch immer nur um's Öl geht.
Und einige Seiten weiter noch weitaus spannendere Inhalte: Christa Wolf beschreibt eine sehr lebhafte und intensive Lesung im Lehrerzimmer einer Schule, die sich viel um die schwierige Einbettung von Kunst und Literatur in das von Arbeit geprägte alltägliche Leben dreht. Auch erwähnenswert die Zeilen, die mich als Vielleser nachdenklich machen:
Eine andere Bibliothekarin, vielleicht vierzigjährig, eine sehr anziehende Frau, braun, schmal, markantes Gesicht, geschmackvoll angezogen, sagte, was mich sehr berührte: Sie empfinde bei der Lektüre solcher Bücher wie der meinen, daß sie, die Leser, in ihren tiefsten Anliegen doch eigentlich wortlos seien und daß da ausgedrückt werde, was sie nicht sagen könnten.
Ich versuche, etwas von der Problematik der Rolle darzulegen, in die ein Autor, der stellvertretend für andere, Stumme, zu sprechen habe, sehr leicht gedrängt werden könne. Wir kommen auf den gewünschten Begriff »Dialog«. Es bleibt die Erkenntnis, daß Literatur bei uns oft als Ersatz für andere, vorenthaltene Möglichkeiten der Selbstverwirklichung herhalten muß.
Ich denke, dass Lesen - je nach Form von Literatur - für mich tatsächlich meist mehr ein Dialog ist im Geiste, eine Auseinandersetzung mit den Gedanken des Schreibenden, als ein Ersatz nicht gelebter Möglichkeiten (die in einem Leben der einstigen DDR sicherlich mehr durch äußere Zwänge vorenthalten wurden) . Und dass ein solcher Dialog, auch wenn er sich hin und wieder an der Rolle eines Dieners des Zeitvertreibs erfreut, durchaus zur Weiterentwicklung und auch zur Gestaltung der Linien einer Selbstverwirklichung beitragen kann. Und all die vielen Bücher (die spürbar in der Hand liegen und dann ihren schönen, ausgewählten Platz im Regal finden) sind mir seit jeher Freude und Bereicherung.
Und viele Seiten später aus dem Jahre 1992 eine Hinweis auf das Gewurzele von heutigem Wählerverhalten:
Martin kommt. Er habe soeben mit einem empörten Brief die »taz« abbestellt, die in einer Rezension, in der sie hauptsachlich mich anpöbelt, behauptet, Otl Aichers Konzept von der Kultur des Alltags sei "barbarisch". Das ist unglaublich, wir lachen, und doch ist es schade. Das ist eine der Ungezogenheiten, die sich für links halten und auf Unwissenheit, Dummheit und Arroganz beruhen. Man könnte es ignorieren, wenn sich nicht die Zeichen mehren würden, daß das — nun ja -: linke Spektrum sich wieder mal in gegenseitigen Beschuldigungen und Abgrenzungen gefällt, während die fröhlich und unbehindert wachsende Rechte ihre diversen Gruppierungen und geistigen Zentren miteinander vernetzt.
- 26. Feb.
Heißt es so, weil man noch stehen kann in Ruhe nun, nicht schon im Greisenbett liegt? Dabei ist es doch Freiheit, liegen bleiben zu können (soviel gibt's zu lesen), dort, wo ich gerade noch in den noch dunklen Tag aufbrechen musste - diese Freiheit, die sich auftürmt und man weiß noch gar nicht so genau, auf welchen Wegen man sie besteigen möchte.
Ich wandre im Wald, atme die noch frische, frühe Luft, und denke, das steht dir jetzt offen, wann immer du willst, Glücksgefühle fluten durch mich hindurch. Und im nächsten Atemzug die vom regen Geist gemalten Bilder: Der Gang über die noch stille Morgenwiese, den Kirschbaum begrüßend, der all die Jahre begleitet hat, mit Schneepulver auf den kahlen Ästen, mit knallenden Blüten und süßen Rotkugeln, die von Menschenhand und kleinen Eichhornpfoten geklaubt werden... und der leise Klang fallender Blätter im Herbstwind. Und die zahlreichen tragenden Begegnungen, die liebgewordenen Menschen - sie sind plötzlich Erinnerung, die im einen Moment Lächeln bringt, im anderen sentimental und auch traurig sein lässt.
Plötzlich werde ich gewahr, wie die Normalität der Arbeitszeit doch wesentlich war: das erste Reden am frühen Morgen, der Austausch von Befindlichkeiten, intensive Zusammenseinstunden im Lauf eines Tages; das Beieinandersein, wenn auch oft nur zwischen Tür und Angel - doch auch die Türen haben tief in die Vergangenheit reichenden Bestand, ich höre sie aufgehen und so viele Menschen gehen durch sie und einige Jahrzehnte hindurch: sie nehmen das Leben in ihre Hände und lassen es fließen in wässrigbunten Farben, formen es erdverbunden oder klopfen manches davon ab und lassen Neues entstehen.
Oben, mit Blick übers Tal und über die Stadt, sehe ich die Gesichter, die mich begleitet haben, lange Jahre schon oder erst seit Kurzem, ich sehe diese vertrauten Menschen und freue mich an ihnen. Höre ihre Stimmen, manchmal angestrengte, verärgerte, enttäuschte, aber auch tief aus dem Herzen raus lachende, freundschaftliche, gestaltende, helfende.
Und irgendwo hinter der Stadt die fernen Horizonte, sie rufen über alles hinweg: nun komm schon, wir warten auf dich, lass los!
Alles zu seiner Zeit, antworte ich, alles zu seiner Zeit, und setze mich auf den Stumpf eines alten Baumes und schaue...


