- 9. Dez. 2023
Gegen Ende des jüngsten Buches Alle meine Geister von Uwe Timm (ein Muss für den Ort auf meinem Regal mit seinen gesammelten Werken) sitzt Timm Anfang der sechziger Jahre mit dem Architekten Lothar Loewe beisammen:
Erstmals hörte ich bei ihm Karlheinz Stockhausen, das Stück Gesang der Jünglinge im Feuerofen. Ein eigentümliches, sich tief einprägendes Hörerlebnis, traumhaft verstörend die sich überlagernden Stimmen, aus denen hin und wieder eine verständlich heraustönte.
Oft, wenn ich lese, drängt es mich nachzuvollziehen und für mich spürbarer zu machen: Stimmungen durch im Text aufgeführte Musik, beschriebene Weltenwege in allerlei Karten, Namen im Fundus von verschiedensten Registern. Dann krame ich im Netz nach diesen Klängen und Orten und Personen. Und so widme ich mich nun dem Gesang der Jünglinge.
- 15. Nov. 2023
Einige hervorragende Bücher habe ich in der letzten Zeit gelesen, allesamt von Schriftstellerinnen, manche sind dicke Wälzer, andere etwas kleiner im Umfang aber deswegen nicht weniger beeindruckend. Von den Autorinnen kannte ich bisher nur Nino Haratischwili, die mit ihrem epischen Schreiben mich schon seit einigen Jahren immer wieder in ihren Bann zieht. Mit zwei Büchern hat auf dem neuen Regal auch Einzug gehalten Claire-Louise Bennett, in deren sehr eigenen Formulierungen und Redewendungen mit feministischer Energie jenseits literarischer Konventionen ich liebend gerne eingetaucht bin und viel zu früh wieder im eigenen Alltagstageslicht aufgetaucht bin. Die junge Lauren Groff hat mich mit ihrer schonungslosen Erzählung über die Flucht einer Jugendlichen im 17. Jahrhundert hinein in die Wildnis undurchdringlicher Wälder des noch wenig erschlossenen Nordamerikas in Atem gehalten (ein wenig war ich beim Lesen erinnert an Die Wand von Marlen Haushofer), und Honorée Fanonne Jeffers gestaltet nah, umfangreich und mit bluesigem Sound ein bewegendes und kraftvolles Porträt einer schwarzen Frau, die sich in einer rassistischen Gesellschaft behaupten muss. Nicht zu vergessen Elfi Conrad, die mich mit ihrer autobiographische Erzählung über die Befreiung der Frauen von gesellschaftlichen Zwängen Anfang der Sechziger Jahre direkt eingefangen hat. Und natürlich ist da auch noch Katja Kettu - ihr so intensives und sprachlich eindringliches, ja manches Mal brachiales Wildauge habe ich vor Jahren verschlungen und vor einigen Monaten habe ich mich an sie erinnert und ihre Folgebücher gelesen.

- 1. Nov. 2023

Im Wind ist es kein Fallen, es ist ein losgelöstes Fliegen, als hätten sie sich den ganzen Sommer darauf vorbereitet, diese Blätter, meine Freunde in jedem Herbst, sie schenken mir meine Lieblingsfarben. Dazwischen drehen sich, wie von selbst, die Ahornhubschrauber hinauf, fast bis zu den dunklen, schnell über uns hinweggleitenden Wolken, lautlos. Doch, wenn man genauer lauscht, dann hört man sie rufen: nehmt mich mit, ihr ziehenden Geschöpfe des Himmels!
Und drüben fallen die Menschen: in Cherson, in Awdijiwka, in Ashkelon, in Dschabalia, in Khan Yunis...


