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  • 21. Feb.

Bin in diesen Tagen eingetaucht in die briefliche Kommunikation von Sarah Kirsch und Christa Wolf zwischen 1960 und 1990. Wie meist in solchen Briefwechseln von bekannten Menschen öffnet sich auch hier eine weite Palette von sehr persönlichen Bildern, die eingebettet sind in die gesellschaftspolitischen Begebenheiten und bei Kirsch und Wolf natürlich in deren literarische Welt. Es ist spannend zu lesen, wie die beiden so unterschiedlichen Charaktere gelenkt von dem jeweiligen Naturel ihrer Wege gehen, lange Zeit ist es ein gedanklich gemeinsamer Weg des Austausches (auch im Versteckten über die Schwierigkeiten, Sprache so zu formulieren, dass sie in der DDR ein öffentliches Gehör finden kann). Ab 1977 wird der direkte Kontakt durch die Ausbürgerung von Sarah Kirsch aus der DDR spärlicher, aber es bleibt doch die Bande einer Freundschaft im schreibenden Kontakt bestehen.

Es ist sehr schön, den beiden über die Schulter zu schauen, wenn sie nicht nur über zu Schreibendes und zu Lesendes reden, sondern sich über das Leben auf dem Lande berichten (Kirsch auf einem einsamen schleswig-holsteinischen Fleck, Wolf - vor ihrem städtischen Berlintreiben immer wieder flüchtend - im kleinen Dorf Woserin in Mecklenburg-Vorpommern): wie sie pflanzen und ernten, wie Kirsch Lämmer und Zicklein ins Leben verhilft und Wolf Hunderte von Gänsen auf den nahen Feldern beobachtet, und wie sie über das Wetter reden, das über die Mauer hinweg sie verbindet. Und erst als diese fällt, bekommt das Verhältnis Risse, weil Wolf die DDR noch nicht loslassen kann, an einer zu reformierenden Staatsform festhalten will. Hinzu kommen die etwas undurchsichtigen und nicht eindeutigen Verbindungsphasen von Christa Wolf zur Stasi. Klar ist wohl, dass sie keine aktive Stasi-Mitarbeiterin war, und doch lösten die Enthüllungen darüber eine breite Diskussion über ihre Rolle in der DDR und ihre literarische Aufarbeitung der Vergangenheit aus, die sicherlich auch mit zum Ende der Beziehung zwischen Wolf und Kirsch beigetragen haben - auch wenn die meisten Quellen betonen, dass Christa Wolf sich später kritisch mit dem DDR-System auseinandersetzte und als eine der wichtigsten literarischen Stimmen der innerdeutschen Teilung und ihrer Widersprüche galt. Aber wer, wenn nicht sie selbst, kann dazu am besten Stellung beziehen, so in einem sehr offenen, selbstreflektierenden Interview mit Günter Gaus aus dem Jahr 1993.

Die Freundin (Christa Wolf) aber reibt sich ihrer (Sarah Kirsch's) Ansicht nach in unnützen kulturpolitischen Debatten auf und distanziert sich nicht klar genug von den herrschenden und als falsch erkannten Machtstrukturen ... Die in der Tat völlig unterschiedliche Bewertung der DDR und ihrer Protagonisten (einschließlich der eigenen Person) nach der Zäsur 1989/90 zerriss das zu diesem Zeitpunkt bereits dünne Band. (Aus dem Nachwort des Briefwechsels zitiert)

Sarah Kirsch kann ihr alles in allem so nicht mehr folgen, die Freundschaft bricht und der Briefwechsel endet. Doch soweit bin ich noch nicht vorgedrungen in ihren Briefen und ich bin gespannt, wie sich dieses Zerwürfnis darlegen wird.

Während des Lesens ist mir das Buch von Christa Wolf eingefallen, das in meinen Regalen steht: Ein Tag im Jahr. Wolf beschreibt von 1960 bis 2000 immer den gleichen Tag im September eines Jahres, schreibt über all die profanen Alltagsgeschehnisse an jenem Tag, aber natürlich auch über die literarischen Belange und politischen Begebenheiten, die sie betreffen.

Sehr interessant im Zusammenhang mit dem Mauerfall sind Wolfs Seiten zum September 1989. Die Wolfs haben Inge und Otl Aicher aus Westdeutschland zu Besuch. Christa Wolf fasst in diesem Text die spannenden Gespräche der beiden Paare zusammen, die um die beiden Staatssysteme der BRD und der DDR kreisen. Auch schreibt sie darüber, wie sie auf Spaziergängen und auf Fahrten durch die nähere Umgebung plötzlich einen anderen Blick für das Alltägliche bekommt und oft vergleichend mit den architektonischen Standards in Westdeutschland sich fast schämt für den Zustand der Gebäude und Straßen rund um Woserin. Am Ende des Tages notiert sie: Als wir uns, sehr spät, trennen, dreht er sich in der Tür um und sagt: Wenn allerdings zwei große, in ihren Bedürfnissen unreife Bevölkerungsgruppen in Ost und West aufeinandertreffen und sich womöglich vereinigen wollen oder sollen — was dann geschieht, das wage ich mir nicht auszumalen. Das müsse er sich auch nicht ausmalen, sagen wir.

In dieser Nacht liege ich lange wach.

Man erfährt in diesem Buch viel über die Familie Wolf, aber auch über ihr ganz persönliches Hadern mit dem Dasein als öffentliche Person, über die Sehnsucht nach Ruhe und ihr Nachdenken über ein lebenswertes Leben an sich. Dieses Buch nun ergänzend zu dem Briefwechsel immer wieder aufzuschlagen und den passenden Tag zu lesen bereichert sehr. Bleibt noch im Atlas zu schauen, wo genau denn die Lebensorte der beiden Frauen waren, und noch ab und an in die umfangreich lyrische Welt von Sarah Kirsch hineinzublättern: all das rundet das Lesen ab und erfüllt mein Bedürfnis nach einem sich hineinversetzenden, begreifenden Erfassen.



 

In seinem Buch Ein Ende und ein Anfang beschreibt Oliver Hilmes in vielen Fragmenten Lebenssituationen und Gedanken von Menschen, die im Sommer 1945 eine alte, in den vielen Jahren zuvor schreckliche Welt loslassen dürfen und den Anfang einer neuen politischen Zeitrechnung durchleben und mitgestalten - im "kleinen" Kosmos des Privaten wie auch auf der "großen" politischen Bühne. Hilmes lässt Stimmen aus diesem Privaten zu Wort kommen, beschreibt aber auch das Erleben von Staatsmännern und anderen Berühmtheiten in dieser Zeit. So reist beispielsweise Klaus Mann, der Sohn von Thomas Mann, als Reporter im Dienst der US-Army nach Garmisch, um am 15. Mai 1945 den Komponisten Richard Strauss im Refugium seiner Villa zu interviewen. Hilmes zitiert Mann, wie er Strauss erlebt in Angesicht all der Kriegsgreuel: Die Naivität, mit der er sich zu einem völlig ruchlosen, völlig amoralischen Egoismus bekennt, könnte entwaffnend, fast erheiternd sein, wenn sie nicht als Symptom sittlich-geistigen Tiefstandes so erschreckend wären. Richard Strauss sei für ihn ein großer Mann - so völlig ohne Größe.

In den letzten Kriegsmonaten jedoch, berichtet Hilmes, hat Richard Strauss sein epochales, halbstündiges Werk Metamorphosen zu Ende gebracht, eine Elegie auf eine Welt, die in Trümmern liegt, und die eine tiefe Erschütterung und Verzweiflung in Richard Strauss zum Ausdruck bringt. Hilmes fragt sich, ob Klaus Mann in Kenntnis dieses Werkes wohl ähnlich abwertend über Strauss berichtet hätte.

Ich habe diese Metamorphosen, die später als bewegenstes Musikwerk des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden, nie gehört - bis jetzt, da dieses Fragment über Klaus Mann und Richard Strauss den Anstoß gegeben hat, mich in dieses Werk hineinzubegeben (hier in der Fassung von 1973 für 23 Streicher, gespielt von der Dresdner Staatskapelle unter der Leitung von Rudolf Kempe):



 

Jetzt, da Ursula Krechel den Georg-Büchner-Preis zugesprochen bekommen hat, dachte ich, okay, nun ist's an der Zeit mich mal dieser Frau zu widmen. Wollte schon lange den ersten Roman Shanghai fern von wo ihrer "Trilogie" lesen, allesamt Bücher, die sich intensiv mit Exil, Flucht, Verdrängung und Gerechtigkeit in Erinnerung an die Gefühllosigkeit der Nachkriegsgesellschaft auseinandersetzen.

Ich hab mich zu Beginn schwer getan, in dieses von ihr in ganz eigenem literarischen Stil zusammengeflochtene Werk einzutauchen. Irgendwann aber war ich drin und ihr Schreiben über diese mir fremde Zeit und Welt eines Exils in Shanghai (seit Beginn des Zweiten Weltkrieges bis zu seinem Ende und weitere Jahre darüber hinaus) hat mich gefesselt, berührt und auch angestrengt ob dieses schweren und teilweise grausamen Daseins dort fern von wo. Und ich bin beeindruckt von all diesem Wissen, das sich Krechel mit intensiven Recherchen über Jahrzehnte angeeignet hat und wie sie dieses in ihrer besonderen Sprache formt. Jedes Wort scheint sorgfältig gewählt, jeder Satz trägt Bedeutung. Sie verzichtet auf unnötige Ausschmückungen, aber ihre Sprache ist alles andere als karg. Stattdessen schafft sie es, mit wenigen Worten Stimmungen und Bilder zu kreieren, die mich tief in die Geschichte hineingezogen haben. Letztlich war ich froh, als ich zum Ende kam, da nur selten ein Aufatmen in ein wenig leichtes Freisein hinein möglich ist.

Drum freue ich mich nun auf das leichte, glückliche Geheimnis von Arno Geiger, das da winkend im Warteregal steht.

 

Autor von Hirnstromern

Matthias Wagner

menschliche würde orthopädie des aufrechten gangs also kein gekrümmter rücken vor königsthronen nimm deine füße unter die arme und lauf cry baby nur der frieden ist es mein sohn wofür wir leben die beherrschung der natur ist gekoppelt an die verinnerlichte gewalt des menschen über den menschen gekoppelt an die gewalt des subjekts über seine eigene natur you can go all around the world trying to find something to do with your life baby when you only gotta do one thing well

Aus Wolkenbruch

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