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Linien

  • vor 6 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Und noch einmal zu den Texten von Christa Wolf. In ihrem Buch Ein Tag im Jahr lese ich das Jahr 1979 und die dort von Wolf zusammengefassten, an diesem Tag gehörten Nachrichten:


Nicht in dieses alternativlose Denken mit hineinrutschen, nicht genauso verbissen, genauso tierisch ernst sein wie die. Ziemlich schwierig, wenn es einem an den Kragen geht. Gerade jetzt, zum Beispiel, schließen sie in Leipzig den Erich Loest aus dem Schriftstellerverband aus, und der wird dann wohl auch noch weggehn. Unter den Nachrichten war auch die, daß in der UNO die Palästinenser an Boden gewinnen, die Israelis an Boden verlieren durch ihre unnachgiebige Haltung; außerdem wollen die anderen Mächte an das Öl der Araber heran: Und so ist alles. Die Welternährung wird in diesem Jahr noch schwieriger, aber es geht um Macht und Einfluß. Ich sehe nicht, wie diese Linien, an deren Kreuzpunkt die Katastrophe stünde, in eine andere Richtung zu zwingen wären. Jemand sprach auch über die Spottbeträge, die, verglichen mit den Rüstungsausgaben, die Welthungerhilfe zu ihrer Verfügung hat...

Und ich schüttle wie so oft hadernd den Kopf über die Tatsache, dass die Menschheit noch immer auf diesen - eine schon so lange Zeit umspannenden - Linien verharrt: heute, da der nahe Osten wieder einmal brennt und es dem dominatorischen Akteur letztlich noch immer nur um's Öl geht.


Und einige Seiten weiter noch weitaus spannendere Inhalte: Christa Wolf beschreibt eine sehr lebhafte und intensive Lesung im Lehrerzimmer einer Schule, die sich viel um die schwierige Einbettung von Kunst und Literatur in das von Arbeit geprägte alltägliche Leben dreht. Auch erwähnenswert die Zeilen, die mich als Vielleser nachdenklich machen:


Eine andere Bibliothekarin, vielleicht vierzigjährig, eine sehr anziehende Frau, braun, schmal, markantes Gesicht, geschmackvoll angezogen, sagte, was mich sehr berührte: Sie empfinde bei der Lektüre solcher Bücher wie der meinen, daß sie, die Leser, in ihren tiefsten Anliegen doch eigentlich wortlos seien und daß da ausgedrückt werde, was sie nicht sagen könnten.

Ich versuche, etwas von der Problematik der Rolle darzulegen, in die ein Autor, der stellvertretend für andere, Stumme, zu sprechen habe, sehr leicht gedrängt werden könne. Wir kommen auf den gewünschten Begriff »Dialog«. Es bleibt die Erkenntnis, daß Literatur bei uns oft als Ersatz für andere, vorenthaltene Möglichkeiten der Selbstverwirklichung herhalten muß.


Ich denke, dass Lesen - je nach Form von Literatur - für mich tatsächlich meist mehr ein Dialog ist im Geiste, eine Auseinandersetzung mit den Gedanken des Schreibenden, als ein Ersatz nicht gelebter Möglichkeiten (die in einem Leben der einstigen DDR sicherlich mehr durch äußere Zwänge vorenthalten wurden) . Und dass ein solcher Dialog, auch wenn er sich hin und wieder an der Rolle eines Dieners des Zeitvertreibs erfreut, durchaus zur Weiterentwicklung und auch zur Gestaltung der Linien einer Selbstverwirklichung beitragen kann. Und all die vielen Bücher (die spürbar in der Hand liegen und dann ihren schönen, ausgewählten Platz im Regal finden) sind mir seit jeher Freude und Bereicherung.



 
 
 

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Kommentare


Autor von Hirnstromern

Matthias Wagner

menschliche würde orthopädie des aufrechten gangs also kein gekrümmter rücken vor königsthronen nimm deine füße unter die arme und lauf cry baby nur der frieden ist es mein sohn wofür wir leben die beherrschung der natur ist gekoppelt an die verinnerlichte gewalt des menschen über den menschen gekoppelt an die gewalt des subjekts über seine eigene natur you can go all around the world trying to find something to do with your life baby when you only gotta do one thing well

Aus Wolkenbruch

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