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Viel habe ich gelesen in letzter Zeit, vor allem Romane von zwei Männern, die hier in Deutschland mit ihrer literarischen Gabe in ver­dienter Weise ihren Lebensunterhalt bestreiten, wobei Gabe nicht heißt, dass es keiner aufwendigen Arbeit bedarf, um diese Gabe ins Licht einer aufgeschlagenen Buchseite zu stellen.

Ralf Rothmann ist einer der Beiden, und von ihm las ich die beiden Folgebücher zum Einstiegsroman einer hervorragenden Trilogie, die er vor einigen Jahren begonnen hatte und die in persönlicher Familienanleihe und sehr eindringlicher Art und Weise über die Entwicklung von Schicksalen am Ende des 2. Weltkriegs und in der Nachkriegszeit beschreibt. Und heute morgen in aller Dunkelfrühe las ich die letzten Seiten des Romans Bericht zur Lage des Glücks von Bodo Kirchhoff. Auch wenn Kirchhoff vorgeworfen wird, in diesem Roman einen selbstmitleidigen Protagonisten auf zu konstruierten Wegen im Rahmen des von ihm bekannten Sujet der On the Road-Literatur geschaffen zu haben und er ein nachvollziehbares Narrativ vergessen habe im Bemühen um schicksalhafte Zufälle, so bin ich doch meist einge­taucht gewesen in seine weite Reise. Durch die besonderen, liebesseelischen Gefilde und durch Kalabrien bis Mailand hindurch, in den tiefen Schwarzwald hinein und in ein fremdheißes Afrika, über­all begleitet von verschiedenstem Liebeserleben in Verbindung mit drei Frauen: seiner vergangenen Liebe, die er auf einer Fahrt durch Kalabrien auf einstmals gemein­sam begangenen Wegen in Erinnerung aus sich herauslösen möchte, begleitet von einem sich auftuenden Liebeswehen mit einer afrikanischen Schön­heit, die über das Meer nach Europa geflüchtet mystisch und geheimnis­voll zu Beginn der Reise in einem kleinen, italienischen Gefährt von ihm aufgenommen wird. Und schließlich ist da noch seine Jugendfreundin - liebe?, die ihn stets durchs Leben begleitet, bei der er Zuflucht findet immer wieder, mit der er reden kann über (fast) alles und philosophieren über Gott, die Welt und die Liebesdinge, die das Dasein durchdringen. Und der er gegen Ende dieser langen Romanreise so nahe kommt wie nie zuvor und vielleicht auch nie wieder danach. Ich bin gerne mitgereist durch Kirchhoffs Fabulierkunst, durch die tiefe Gedankenwelt, die Anstöße im eigenen Denken vermitteln. Hin und wieder frage ich mich beim Lesen, ist weniger nicht mehr?, und ich muss über manche Passagen schneller hinweg huschen, damit mich nicht Langeweile ergreift. Doch meist bin ich inmitten des Geschehens und bei den Reflektionen über die Liebe und über's Glück, die glänzen und manches Mal halluzinatorisch blenden wie das flirrende Licht in der staubigen Hitze inmitten der afrikanischen Steppe.

 
  • 26. Juli 2022

Vielleicht sollte man ab 60 sich mit dem Tod beschäftigen ab und an, dann vielleicht, wenn's im Hoden reißt und schwillt für Tage und ein kleiner Krebs etwas mehr an Gewicht bekommt im Sinn. Auch wenn er dann wieder ins Meer gespült wird und ein hörbares Ausatmen das Arztzimmer mit der Leichtigkeit des Lebens erfüllt. Ja, selbst das Schwere wird kurz leicht, und dann, kaum darauf, hat einen das Dasein wieder am Wickel. Vielleicht sollte man sich mit dem Tod beschäftigen ab und an...

Vielleicht mit Walserischen Worten ...

 
  • 4. Juni 2022

Soeben das Buch Suite francaise von Irène Némirovsky beendet. Über Jahrzehnte lag dieses Werk verborgen in einem Koffer und erst dann wagte einer ihrer der Naziherrschaft entronnenen Töchter sich an all die Niederschriften und brachte es ans Licht der Öffentlichkeit. Im Nachwort schreibt Myriam Anissimov: Die Veröffentlichung der Suite francaise hat eine Geschichte, die in mehrerer Hinsicht einem Wunder gleichkommt und es verdient, erzählt zu werden (was sie in diesem Nachwort auch tut).Irènes Vorhaben war, während des zweiten Weltkrieges ein 1000seitiges Epos mit 5 längeren Episoden zu schreiben, in der sie anhand eines eindrücklichen, an die Realität angelehntem Panoramas die Befindlichkeiten eines besiegten und kollaborierenden Frankreichs betrachtet und damit ein Zeugnis dieser Zeit geben wollte. Die ersten beiden Episoden brachte sie zu einem Ende, bevor sie noch mit vielen gedanklichen und niedergeschriebenen Skizzen für die weiteren Teile am 16. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert wurde; dort starb sie am 17. August. Dieses hervorragende und eindrückliche Buch wird am Ende abgerundet durch Notizen von Irène über den Zustand Frankreichs in dieser Zeit und über die Entwicklung ihres Projekts Suite francaise, durch Niederschriften von Korrespondenzen 1936-1945 (während des Lesens von diesen hält man den Atem an, weil man weiß: die Deportierung von Irène rückt näher und näher; und durch diese Korrespondenzen wird wieder einmal erschreckend deutlich, wie verzweifelt Familienangehörige von deportierten Menschen in dieser Zeit um Information und Hilfestellungen rangen), und durch ein Nachwort, in dem auch das zu kurze Leben und literarische Schaffen von Irène Némirovsky beleuchtet wird. Geboren wird sie am 11. Februar 1903 in Kiew, in dem Teil, den man heute das Yiddishland nennt. Sie lebte mit ihrer Familie lange Jahre in St. Petersburg und Moskau, bis sie zur Zeit der Oktoberrevolution 1918 nach Finnland flohen, von wo aus sie ein Jahr später nach Paris weiterreisten. Am 11. Juli 1942 schreibt sie im Wald der Maie (oft zieht sie sich kilometerweit in die ruhige Natur zurück, um zu schreiben):Die Kiefern um mich herum. Ich sitze auf meinem blauen Sweater inmitten eines Meeres verfaulter, vom Gewitter der letzten Nacht durchweichter Blätter wie auf einem Floß, die Beine unter mir angewinkelt! Ich habe den 2. Band von Anna Karenina, die Zeitung von K. M. und eine Orange in meine Tasche gesteckt. Meine Freunde, die Hummeln, diese reizenden Insekten, scheinen mit sich zufrieden zu sein, und ihr Summen ist tief und ernst. Ich liebe die tiefen, ernsten Töne in den Stimmen und in der Natur. Das spitze «chirrup, chirrup» der kleinen Vögel in den Zweigen macht mich nervös... Nachher werde ich versuchen, den verlorenen See wiederzufinden.

Weil ich eingenommen bin von diesem Werk, von ihrem kurzen Leben und von der literarischen Gestaltungskraft von Irène Némirovsky habe ich mir einen weiteren Roman, eine ausführliche Biographie von ihr und eine französische Ausgabe von den autobiographischen Niederschriften ihrer Tochter Denise bestellt.

 

Autor von Hirnstromern

Matthias Wagner

menschliche würde orthopädie des aufrechten gangs also kein gekrümmter rücken vor königsthronen nimm deine füße unter die arme und lauf cry baby nur der frieden ist es mein sohn wofür wir leben die beherrschung der natur ist gekoppelt an die verinnerlichte gewalt des menschen über den menschen gekoppelt an die gewalt des subjekts über seine eigene natur you can go all around the world trying to find something to do with your life baby when you only gotta do one thing well

Aus Wolkenbruch

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