- 20. Juli 2023

In einer sehr interessanten Ausgabe der Zeit, in der die Redaktion 77 Artikel aus den letzten 77 Jahren der Zeit-Geschichte seit ihrer Gründung 1946 im Rückblick wieder ins Leben gerufen hatte, las ich vor ein paar Wochen einen Ausschnitt aus Michael Holzachs Buch Deutschland umsonst. Angetan davon bestellte ich mir auch gleich dieses Buch und wurde nicht enttäuscht: ein wunderbar literarisches, mit authentischen und klugen Beobachtungen und Erlebnissen gespicktes Schreiben über ein (mit Hintergedanken an eine Veröffentlichung geplantes) Aussteigen ohne jegliche finanziellen Mittel, über eine Wanderung von Hamburg bis München, begleitet von einem Hund, der abgemagert zuvor noch nie ein Draußen gesehen hatte und den er, als er aufbrach zu dieser Unternehmung, aus einem Tierheim ins Leben hinein rettete.
Die Randbemerkung von der Redaktion zu diesem Artikel: Sein berühmtestes Buch findet sich noch heute in vielen Regalen: Deutschland umsonst. Mit nur zwei Notgroschen zum Telefonieren in der Tasche hat sich der Reporter Michael Holzach 1980 auf Wanderschaft durch die Bundesrepublik begeben. Ohne Geld läuft er durch ein Land des Wohlstands, ein radikaler Selbstversuch, aus dem letztlich ein Gesellschaftsporträt wird. Holzach hat bis dahin viel für das ZEITmagazin geschrieben, über Gastarbeiter, Arbeitslose, jugendliche Trinker. Für seine Recherchen trat er meist aus dem Alltag, aus der Welt, wie die Mehrheit sie wahrnahm. Deutschland umsonst wurde nicht bloß ein Bestseller, sondern ein Kultbuch, eine Anleitung zum Aussteigen. Als es verfilmt werden sollte und Holzach mit der Regisseurin im Ruhrgebiet spazieren ging, entlang der Emscher, fiel sein Hund ins Wasser. Holzach sprang hinterher, um ihn zu retten, und ertrank. Er starb mit 36 Jahren.
- 13. Juli 2023

Eine liebe Kollegin hat mir vor einigen Tagen dieses Buch ins Arbeitsfach gelegt: ich denke, es könnte dir gefallen. Ihre Intuition hat sie nicht getrogen. Vielleicht kommt es literaturkritisch betrachtet an der einen oder anderen Stelle etwas pathetisch daher, doch das ist mir so etwas von egal: es ist ein ganz und gar wunderbares Buch, das Benjamin Myers da geschrieben hat. Die letzten Abende verbrachte ich viel früher im von der Welt abgeschiedenen Bett, nur um weiterlesen zu können, und letztlich waren es nur vier dieser Abende, dann war es auch schon gelesen. Nun könnte ich sagen, wie man es eben so sagt, dass ich noch gerne so viel länger in diesen klugen, naturverbundenen, lebensnahen, leisen und doch berauschenden Welt- und Seelenberührungen gelesen hätte. Aber nein, so wie es ist, ist es und braucht nicht mehr.
- 25. Juni 2023
Es könnte so einfach sein mit der Spracheingabe. Doch sie und ich sind einfach nicht kompatibel. Und das nicht, weil die üblichen Fehlerquoten ein Nachbearbeiten unumgänglich machen, nein, das würde ich in Kauf nehmen. Aber ich kann einfach nicht frei floatend diktiererisch schreiben, es bleiben mir die gedachten Worte im Munde stecken oder sie kommen erst gar nicht bis zum Zungenschlag. Abgesehen davon, dass ich nie ein guter Erzähler war, der spontan gesprochene Worte findet, liegt es sicher auch an einem Jahrzehnte lang eingeübten Schreiben, das im wahrsten Sinne Hand in Hand geht mit dem Denken. Und dann ist es auch dieser schöne, sinnlich begreifender Vorgang, Text mit den Händen entstehen zu lassen. Ob nun mit dem Stift auf Papier oder mit der Tastatur, ich muss meinen Hände zuschauen können, bewusst oder unbewusst, wie sie den Worten die Chance geben oder auch die Bühne bereiten, um sich entfalten zu können.
Ich werde trotzdem immer wieder mal meine Stimme erheben und in ein Gerät sprechen, das meine Gedanken vor meinen Augen in geschriebenen Text umwandelt, hoffentlich zukünftig zunehmend ausgereifter - aus Gründen einer mir inne wohnenden Faszination für sich entwickelnde Technik und weil es manches Mal einfach bequemer ist. Und doch werde ich bis an mein Lebensende mit Händen schreiben, da bin ich mir sicher, so wie ich gerade diese Worte in mein remarkable tippe, das Licht von außen braucht wie Stift und Papier und nicht ungesund von innen leuchtet. Auch wunderbar handschriftlich lässt es sich damit schreiben und leicht in digitalen Text konvertieren, doch ich will hier keine Werbung betreiben. So will ich mich nun wieder meinem neuen Lesestoff zuwenden, dessen papierig raschelnden Seiten ich ebenfalls von Hand umblättere, denn auch geschriebenen Bücher werde ich niemals mit einem flimmernden Reader lesend ihrer Schönheit als ganze Erscheinung berauben.


