- 16. Dez. 2024
Nun habe ich im Zusammenspiel mit dem Hörbuch den ersten Band der Jahrestage gelesen und bin begeistert. Es ist wirklich bemerkenswert, wie Uwe Johnson diese Fülle an Geistesintensionen schriftstellerisch mit hohem literarischem Wert umsetzt, wie akribisch er seine eigenen Erfahrungen und (systemkritischen) Haltungen in die Zeitgeschichte einbettet mit einem nicht enden wollenden Sammelsurium an Beobachtungen, gedanklichen Auseinandersetzungen und fragmentarischen Fakten, und wie er diese weitreichende Collagen gestaltet - und dies alles getragen von einer fast uferlosen Sprachkunst.
Auch wenn es immer wieder schwierige Passagen gibt, die mir unverständlich bleiben oder ich nachschlagen muss zu Personen oder Zusammenhänge, kommt dieses Werk meinem Empfinden nach den mannigfaltigen, teilweise euphorischen Rezensionen der letzten Jahrzehnte sehr nahe, die diese Bände als nicht ausreichend gewürdigtes Jahrhundertwerk bezeichnen.
Der zweite Band liegt schon bereit - ich freue mich darauf. Nachtrag 1.4.25: Nun habe ich die letzte Zeile im 3. Band gelesen und bin immer noch begeistert und kann nur staunend den Kopf schütteln, wie detailliert und kreativ Uwe Johnson aus all seinen umfassenden Recherchen seine Geschichte um Gesine und ihre Tochter Marie webt.
Nun mache ich es aber wie Johnson und lege eine Pause ein - nicht 10 Jahre wie er, bevor er dann endlich seinen 4. und letzten Band der Jahrestage veröffentlichte, aber ein wenig Abstand und Raum für neue Bücher muss jetzt sein.
- 27. Nov. 2024
Hab die Tage zufällig einen kleinen Artikel über die restaurierte Neuauflage des Kult-Konzertfilms Stop Making Sense (Live-Auftritte von drei Abenden im Pantages Theater in Hollywood) gelesen und ich war sofort in Erinnerung schwelgend animiert, mir diesen Film nochmals anzuschauen. In meinen ersten Freiburger Jahren saß ich 1983 mit meinen Freunden groovend im Kino Roxy eines nahegelegenen Städtchens (dort hatte man Nischen, in denen man essen, trinken und rauchen konnte, ganz hinten war eine langgezogene Bar) und ich war begeistert über diese movige Power des genialen David Byrnes und seiner gesamten Truppe Talking Heads und über die hervorragenden Songs, die treibend in Körper und Seele Energie freisetzen. Und auch jetzt, da ich mir diesen Film gerade nochmal anschaue, schwappt diese Energie und die flammende Musik in mich hinein - nur dass heute auf dem gemütlichen Sofa mehr mein Geist die Bewegungen eines mitfiebernden Körpers übernimmt. Geile Musik, grandiose Band, berauschende Auftritte...
- 26. Nov. 2024
Vor vielen, vielen Jahren, als ich noch jung war, wollte ich unbedingt die Bände der Jahrestage von Uwe Johnson lesen, ein Muss für literarisch Interessierte, dachte ich damals. Das denke ich auch heute noch, so bestellte ich mir vor zwei Jahren einen schönen Schuber mit den vier Bänden - doch sowohl damals, in meiner Endjugendzeit, als auch beim zweiten Versuch kam ich nicht über die Hälfte des ersten Bandes hinaus. Damals zu anspruchsvoll, zu ausufernd, zu fragmentarisch, heute zu viel Zeit und Ausdauer fordernd legte ich das Werk von Johnson beiseite, wohl wissend, dass die Zeit noch kommen wird.

Und nun also der dritte Anlauf - anhand des gelobten Hörbuches, gelesen von Charlie Hübner und Caren Miosga. Und tatsächlich, so geht das mit gut einlesenden Stimmen alles leichter von der Hand oder besser übers Ohr ins Hirn. Und seit einigen Tagen habe ich den ersten Band in Buchform noch dazu geholt und nun höre ich und lese parallel. So ist's tatsächlich noch besser. Ich bin gespannt, in welchem Jahr ich die allerletzte Zeile dieses grandiosen Schriftstellerns hörend und lesend mir einverleiben werde.


