- 26. Aug. 2025
Manchmal ist es so, dass in einem Buch Spuren gelegt werden zu einem nächsten. Dass man aufhorcht und Namen aufgreift, nach den dazugehörigen Menschen sucht, sich über Verbindungen wundert. Und dann gibt es nur einen Weg: den zum vorgezeichneten Buch. Von einem Buch zum anderen, von einem Menschen zum anderen, von einer Lebensgeschichte zur anderen und man entdeckt die Verwobenheit inmitten des Laufs der Dinge, der Geschehnisse dieses Weltendaseins.
Klar: wenn man Ingeborg Bachmann liest kommt man nicht umhin, sich mit Max Frisch zu beschäftigen. Wenn man sich mit Frisch beschäftigt, erinnert man sich in seinen Briefwechseln mit Uwe Johnson an eben den. Und in dessen Jahrhundertwerk Jahrestage entdeckt man die Verbindung zu Hannah Arendt und in der Annäherung an sie findet man sich in dieser getriebenen, schreckenshaften Zeit 1940 in Marseille wieder, liest gebannt im Werk von Uwe Wittstock und muss wieder dem einen und anderen Namen folgen und lesen, was sie geschrieben haben: Lisa Fittko, Anna Seghers - und irgendwann denkt man sich: und das nur, weil man vor Monaten ein Gedicht von Ingeborg Bachmann gelesen hat. Und in Gedanken an sie taucht plötzlich auch die Gruppe 47 auf und darin Günter Grass und man erinnert sich, dass irgendwo in einem Regal sein Mein Jahrhundert steht und all die Zeit umspannend beginnt man noch einmal darin zu lesen, nebenbei blättert man in der großen Chronik des 20. Jahrhunderts.
Irgendwann braucht man wieder Abstand zu diesem Viel an Vergangenheit und liest sich hinein in die Umlaufbahnen, um losgelöst und schwerelos über den Verflechtungen dieser Welt zu schweben...
- 18. Apr. 2025
Noch bin ich im Wirkkreis von Uwe Johnson zugange, habe gerade den Briefwechsel zwischen ihm und Hannah Arendt fertig gelesen, der in dieser wertvollen Suhrkamp-Ausgabe nur die Hälfte des Buches ausmacht; auf den weiteren Seiten werden unter anderem Johnsons Typoskript "Beschreibung der Upper West Side" veröffentlicht, das er Hannah Arendt als Geschenk nach New York schickte, und auch die Druckfassung der Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1971 - auch diese lässt er in einer kommentierten Originalfassung Arendt zukommen.
Da ich Johnson nur von einigen Bildern kenne, recherchiere ich heute an diesem verhangenen Aprilmorgen nach einer Filmaufnahme dieser Rede und sehr schnell und naheliegend befinde ich mich zum ersten Mal auf der Büchner-Preis-Webseite (warum eigentlich erst jetzt? Alles zu seiner Zeit...), die mich in ihrer kreativen Gestaltungsform gleich anspricht und so krame ich mich durch all die Jahre und all die dazugehörigen Preisträger. Es gibt hier keine bewegten Bilder von Uwe Johnson, doch es gibt kurze Audioauszüge seiner Rede. Seine Stimme ist mir fremd, man müsste sich mit ihr vertraut machen, wie eben seinem besonderen literarischen Schreiben auch.
Ich erinnere mich an einen Artikel in der TAZ vor vielen Jahren über den Büchner-Preis, ich finde ihn wieder: am 29.10.2011 schreibt Angela Leinen:
... Andere Preise sind bescheidener. Beim Bachmannpreis in Klagenfurt wird nur ein Schimmer Morgenröte gesucht: der beste Text aus drei Vorlesetagen, vielleicht wird mal ein schönes Buch draus. Der Deutsche Buchpreis verbreitet Hoffnung auf lesbare deutsche Romane und ruft den Lesern zu: Seht her, es gibt ein Lesen außerhalb von "Wanderhure" und "Schlank im Schlaf"!
Der Georg-Büchner-Preis aber ist ein scheißender Teufel auf der Suche nach dem größten Haufen. Der durchschnittliche Büchnerpreisträger ist zwischen 50 und 70 Jahre alt, meist männlich und hat schon acht bis zwölf andere Literaturpreise gewonnen. Mit dem Büchnerpreis wird bereits zementierte Bedeutung zementiert. ...
Ich schaue mir nochmals die Preisträger seit 2011 an und es ist, als hätte die Jury zusammen mit dem sich wandelnden Zeitgeist sich diesen Artikel in den folgenden Jahren bis heute zu Herzen genommen: jünger sind sie geworden, die Preisträger, und weiblicher, und wie immer viele begleitet von all dem Treiben fürsprechender und kritisch ablehnender Stimmen.
Nun aber werde ich mich aus dem Vergangenen lösen und dem Hier und Jetzt widmen und eine trockene Phase (viel zu kurz sind die verregneten) nutzen, um durch die Wälder zu streifen.
- 13. Apr. 2025
In ihrem letzten Brief an Uwe Johnson schreibt Hannah Arendt am 23. August 1975 (bevor sie im Dezember desselben Jahres starb):
"... Zum Arbeiten bin ich diesmal nicht recht gekommen, teils aus Faulheit und Genuss-Sucht, teils wegen Besuch, und weil eben Freunde unerwartet an diesem und jenem erkranken. Mir geht es gut und ich geniesse, im Unterschied zu den meisten meiner Freunde, nach wie vor das Alt-Sein. Dass es endlich, wie ich Ihnen vielleicht schon mitteilte, ein Ende mit dem Werden (Werde der Du bist) hat und man ruhig sein kann, der man geworden ist. Anders ausgedrückt, im Alter ist das Laster nicht nur, wie bekannt, der Geiz, sondern auch der Ehrgeiz. Kurz, sofern ich mir nicht den Kopf über meine Urteilskraft zerbreche und mich über Herrn Kant freue, was ich eigentlich soll, denke ich gern über das Altwerden (doch ein Werden?) nach und wundere mich, dass es seit Cicero’s De Senectute nichts Vernünftiges darüber gibt." ³
Die Anmerkung des Herausgebers des Briefwechsels zwischen Arendt und Johnson dazu:
³ Mit der Erinnerung an diese letzten Briefzeilen schließt Uwe Johnsons Nachruf auf Hannah Arendt: »Ich habe ihr zu danken für das, was sie mir gezeigt hat an Benehmen gegen Menschen, gegen das Alleinsein, gegen das Alter. Was sie mir schreibt in ihrem letzten Brief im August, es gehört zu ihr, aber ich bin doch dankbar und froh darüber, dass sie sagen konnte, sie geniesse nach wie vor das Alt-Sein. Es hat ein Ende mit dem Werden, und sie wundere sich, dass es seit Ciceros De Senectute nichts Vernünftiges darüber gebe. So war sie einverstanden mit ihrem Tod, wie jeder von uns einverstanden sein soll mit dem eigenen und den des anderen hinzunehmen sich weigert.«
In den 1920gern, als sie vom Alt-Sein noch weit entfernt war, verbrachte Hannah Arendt einige Zeit in meiner Stadt Freiburg. Vielleicht finde ich ja einige ihrer Gedanken in den Gassen, in denen sie sich im Ritzenmoos der Pflastersteine niedergelassen haben, um zu bleiben über Jahrhunderte hinweg, und um aufzusteigen ab und an in Berührungen mit Spaziergängern des offenen und weiten Geistes.


