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Vor einigen Wochen hatte ich in einem kurzen TV-Bericht Judith Schalansky kennengelernt und gleich darauf zwei ihrer wunderbaren, auch gestaltungs-schönen Bücher erstanden: Atlas von abgelegenen Inseln und Verzeichnis einiger Verluste. Letzteres habe ich in diesen Tagen aufgeschlagen und bin schon auf den ersten Seiten nach Schalanskys Vorbemerkung und gebildetem, gedankentiefem Vorwort angetan und freudig gespannt auf diese vor mir liegenden Weltvergangenseins- und Abwesenheitsdaseinsfragmente. Auf der ersten Seite der Vorbemerkung führt sie mit Semikolons getrennte Beispiele von Vergehen und Verlusten auf: Während der Arbeit an diesem Buch verglühte die Raumsonde Cassini in der Atmosphäre des Saturns; ... starb die am Great Barrier Reef beheimatete Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte aus; ... Auf der zweiten Seite liest man von Entdeckungen und Sichtbarmachungen, die von vergangener Existenz zeugen: ... tauchten ein bis dato unbekannter Roman Walt Whitmans und das verschollene Album Both Directions At Once des Jazzsaxophonisten John Coltrane auf; ... gelang es,  eine mit Packpapier verklebte Doppelseite aus dem Tagebuch Anne Franks wieder lesbar zu machen...

In den letzten Zeilen des Vorworts schreibt sie: Wie alle Bücher ist auch das vorliegende Buch von dem Begehren angetrieben, etwas überleben zu lassen, Vergangenes zu beschwören, Verstummtes zu Wort kommen zu lassen und Versäumtes zu betrauern. Nichts kann im Schreiben zurückgeholt, aber alles erfassbar werden. So handelt dieser Band gleichermaßen vom Suchen wie vom Finden, vom Verlieren wie vom Gewinnen und lässt erahnen, dass der Unterschied zwischen An- und Abwesenheit womöglich marginal ist, solange es die Erinnerung gibt.

Und für wenige kostbare Momente erschien mir während der langjährigen Arbeit an diesem Buch die Vorstellung, dass das Vergehen unvermeidlich ist, genauso tröstlich wie das Bild seiner in den Regalen verstaubenden Exemplare.

 
  • 22. Aug. 2020

Flugs durchgelesen - klar, Der letzte Satz ist ja nur ein kleines Büchlein von Robert Seethaler. Ein wenig schulterzuckend noch kurz darüber nachgedacht, das war es dann aber auch. Man bekommt zwar einen recht nahen Einblick in das Leidenswesen von Gustav Mahler, aber das alles bleibt doch sehr minimalistisch strukturiert und auf eben dieses Leiden und seine Liebe zu Alma reduziert. Mahlers Schaffenswerk bleibt nahezu gänzlich außen vor und auch eigentlich spannende Begegnungen mit Rodin und Freud sind nur kurze, nicht allzu inspirierte Episoden. Trotzdem lassen sich die Seiten gut lesen, ich mag Seethalers eher leichten und lakonischen Stil, der mir durch seine bisherigen Bücher vertraut ist.

 
  • 8. Aug. 2020

Die Hand greift umherstreifend ins saftige Gras. Das es noch gibt, hier im immerwährenden Schatten des Baumes. Weiter drüben das Steppengras, als wolle es Urlaub machen in diesen Breitengraden. Doch es sieht aus, als würde es Gefallen finden an neuer Heimat. Über dem Tal das müde Gleiten einiger Krähen.

Soll ich ein wenig näher rücken?! Hin zu diesem unbekümmerten Blick? Die Sorge überwinden und die Schüchternheit? Waghalsig, mit einem Kuss. Am Duft des reinen Schwunges entlang, vom Ohrläppchen bis hinab zum Acromion. Und der leise Atem, der in Bewegung gerät...

Wind kommt auf als Vorbote dunkler Wolken. Das tagträumende Sehnsuchtsbild beginnt zu flirren und im Gleichfall mit den Bedrohungströpfchen erlischt es, als wäre nichts gewesen. Es war nichts. Was soll auch gewesen sein.

Später, während ich döse am Stamm, wartend auf den Einbruch des atlantischen Tiefs, Schritte in meinem Rücken. Abstand! ruft es in mir. Darf ich mich setzen?! Es ist ja Wind und ich habe es satt, nicht nah zu sein! Dann legt sie den Kopf auf meine Schulter, sie riecht nach Basilikumflieder. Sie ist fremd und nah. Und da. Lange da.

 

Autor von Hirnstromern

Matthias Wagner

menschliche würde orthopädie des aufrechten gangs also kein gekrümmter rücken vor königsthronen nimm deine füße unter die arme und lauf cry baby nur der frieden ist es mein sohn wofür wir leben die beherrschung der natur ist gekoppelt an die verinnerlichte gewalt des menschen über den menschen gekoppelt an die gewalt des subjekts über seine eigene natur you can go all around the world trying to find something to do with your life baby when you only gotta do one thing well

Aus Wolkenbruch

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