Es gibt, zumindest bei mir, eine Schwelle im Hirn, über die hinaus eine hingebungsvolle, sehr konzentrierte Aktivität des Geistes sich in die Träume einfließen lässt. Vor vielen Jahren zum Beispiel, als es eine Phase gab, in der ich unmäßig viel Schach spielte, nahmen die Protagonisten eines vergangenen Tages in den Bildern des Halbschlafes bis in die Zeit der Träume hinein die Gestalt von Schachfiguren an; und der Rahmen, innerhalb der sich dieser Tag bewegte, war der eines Schachbretts. Bisweilen hatte ich da das Gefühl, verrückt zu werden. Oder der ungebrochene Genuss von Daily-Soaps (ich oute mich jetzt nicht darüber, welche genau): hin und wieder mischten sich deren dürftige Figuren unter die realen Darsteller eines Traumes. Und so ist es auch in diesen Wochen: wenn ich jeden Abend ausgiebig in den Tagebüchern von Victor Klemperer lese, oder in Kempowskis Echolot, geschieht es, dass ich in den Träumen Teil dieser Zeit werde. Dann empfinde ich mehr als beim Versuch des empathischen Lesens die Übelkeit und den Widerwillen, nun schon über Wochen nur alte, ranzige Kartoffeln essen zu müssen, ich stehe an meinem Fenster, spähe angstvoll durch den Spalt des Vorhangs: es war nur der Handwerkerwagen, nicht die Gestapo! Manches Mal wache ich auf (ein Privileg des Träumenden), weil ich abgeführt werde: sie haben mein Schreiben in den Ritzen des Parketts entdeckt. Ab und an bin ich auf der Seite der Bösen, doch das geschieht meist nur mit einem düsteren, schlechten Gewissen angehaftet – zu sehr, bis in die Träume hinein, ist in unseren Nachkriegsgenerationen (zumindest in weitesten Teilen davon, so hoffe ich) das Fühlen, die Gedanken tief verinnerlicht: so nie wieder!
Wenn ich so träume, dann ist es meist ein Signal, für ein paar Tage die Tagebücher beiseite zu legen und Leichteres zu lesen… und Kraft der Distanz von vergangenen sieben Jahrzehnten reinigen sich die Träume zügig wieder hin zu Alltäglichem.Was bringt dir das alles, werde ich manchmal gefragt, dieses Wühlen in alten Zeiten, gibt es im Hier und Jetzt nicht genug zum Hinterfragen, oder: verdirbt dir es dir nicht das Schöne?! Ich kann es nicht wirklich genau sagen, nur soviel: es gehört zusammen und es bedrängt mich immer wieder, es betrifft mich, macht mich betroffen und auch dieses Traumempfinden möchte ich bewahren. Und wir sind ja befähigter Mensch genug, um auch wieder trennen zu können, zwischen Vergangenem und der Schönheit des Schauens, sitzend von einem großen Stein aus, mitten auf der Weide…
- 1. Okt. 2011
…am Dienstag, 2 Juni 1942 gegen Abend:
… Neue Verordnungen in judaeos. Der Würger wird immer enger angezogen, die Zermürbung mit immer neuen Schikanen betrieben. Was ist in den letzten Jahren alles an Großem und Kleinem zusammengekommen! Und der kleine Nadelstich ist manchmal quälender als der Keulenschlag. Ich stelle einmal die Verordnungen zusammen: 1) Nach acht oder neun Uhr Abends zu Hause sein. Kontrolle! 2) Aus eigenem Haus vertrieben. 3) Radioverbot, Telefonverbot. 4) Theater-, Kino-, Konzert-, Museumsverbot. 5) Verbot, Zeitschriften zu abonnieren oder zu kaufen. 6) Verbot zu fahren; (dreiphasig: a) Autobusse verboten, nur Vorderperron der Tram erlaubt, b) alles Fahren verboten, außer zur Arbeit, c) auch zur Arbeit zu Fuß, sofern man nicht 7km entfernt wohnt oder krank ist (aber um ein Krankheits-attest wird schwer gekämpft). Natürlich auch Verbot der Autodroschke. 7) Verbot, „Mangelware“ zu kaufen 8 ) Verbot, Zigarren zu kaufen oder irgendwelche Rauchstoffe. 9) Verbot, Blumen zu kaufen. 10) Entziehung der Milchkarte. 11) Verbot, zum Barbier zu gehen. 12) jede Art von Handwerker nur nach Antrag bei der Gemeinde bestellbar. 13) Zwangsablieferung von Schreibmaschinen, 14) von Pelzen und Wolldecken, 15) von Fahrrädern – zur Arbeit darf geradelt werden (Sonntagsausflug und Besuch zu Rad verboten), 16) von Liegestühlen, 17) von Hunden, Katzen, Vögeln. 18) Verbot, die Bannmeile Dresdens zu verlassen, 19) den Bahnhof zu betreten, 20) das Ministeriumsufer, die Parks zu betreten, 21) die Bürger-wiese und die Randstraßen des Großen Gartens (Park- und Lennéstraße, Karcherallee) zu benutzen. Diese letzte Verschärfung seit gestern erst. Auch das Betreten von Markthallen seit vorgestern verboten. 22) Seit dem 19. September der Judenstern. 23) Verbot, Vorräte an Eßwaren im Hause zu haben. (Gestapo nimmt auch mit, was auf Marken gekauft ist.) 24) Verbot der Leihbibliotheken. 25) Durch den Stern sind uns alle Restaurants verschlossen … 26) Keine Kleiderkarte. 27) Keine Fischkarte. 28) Keine Sonder-zuteilung wie Kaffee, Schokolade, Obst, Kondensmilch. 29) Die Sondersteuern. 30) Die ständig verengte Freigrenze. Meine zuerst 600, dann 320, jetzt 185 Mark. 31) Einkaufsbeschränkung auf eine Stunde (drei bis vier, Sonnabend zwölf bis eins). Ich glaube, diese 31 Punkte sind alles. Sie sind aber alle zusammen gar nichts gegen die ständige Gefahr der Haussuchung, der Mißhandlung, des Gefängnisses, Konzentrationslagers und gewaltsamen Todes.…
- 30. Sept. 2011
Was für ein Schauen seit vielen Abenden schon, ich sitze auf dem Stein mitten auf einer der Weiden. Um mich grasen die Jungziegen, als hätten sie keinen Sinn für Herbstlichtaufwerfungen, die die Atmosphäre im Spiel mit der Sonne vom Farbstapel lässt. Doch das nehme ich ihnen nicht ab, den Ziegenmädels, ich seh doch, wie sie manchmal inne halten und übers Land schauen – der Glanz in den Augen muss bedeuten: ich empfinde gerade, auch wenn ich es nicht bemerke: was für eine schöne Welt. Mauri lehnt nah an mir, wir haben sie von einem anderen Ziegenhof vor dem Schlachter gerettet, sie ist ein wenig zurückgeblieben im Wachsen, die Hälfte eines Horns muss sie sich abgestoßen haben, noch hat sie nicht erzählt, wobei. Sie legt ihren kleinen Kopf auf meinen Schoß, die Lider entspannen sich und schließen sich halb. Das kleine Menschenkind springt lachend mit einem Stock um ihre Ziegenfreundinnen und durch dieses Licht hindurch… für einen Moment halte ich den Atem an, denn ich fürchte, mit der nächsten leisesten Bewegung löst sich alles auf. Doch es bleibt einfach, es bleibt wie es ist: friedvoll und schön.



